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Ein Kind wehrt sich mit seinen Mitteln
Rosemarie Kabisch ging mit ihrer Mütter regelmäßig bei Luftalarmen in den Stollen. Die Erwachsenen hatten ihren angestammten Platz, die Kinder saßen auf dem Schoß der Mutter oder auf dem kleinen mitgebrachten Handkoffer, Rosemarie Kabisch war daher meist zwischen den Erwachsenen eingekeilt. Eine Frau kam ihr immer besonders nahe. Rosemarie nahm deshalb eine kleine Stecknadel mit in den den Luftschutzstollen. Als sie das Gefühl hatte von der Frau wieder beinahe erdrückt zu werden, zog sie ihre Stecknadel heraus und stupfte die Frau damit. Diese beschwerte sich bei der Mutter und Rosemarie bekam Schelte, aber sie hatte erreicht, dass die Frau von ihr  zukünftig Abstand hielt.

Werkluftschutz und Flakgefechtsstand
Teile dieser Stollenanlage waren dem Werkluftschutz der Firma Mahle vorbehalten Dieser Stollenteil war mit ´der Gesamtanlage verbunden , aber durch Türen abgetrennt. In diesem Stollenteil ware auch ein Gefechtsstand der /3/858 für die Flak untergebracht

Geschichte und Geschichten BW 27

Der Angriff am 15. auf den 16. März 1944 war ein Angriff mit 863 Bombern1 und war bis dato die größte Angriffswelle während des Krieges. Der Schwerpunkt galt der Stuttgarter Innenstadt. Er begann gegen 23.30 Uhr und dauerte bis gegen 0.15 Uhr.  Durch den Abschuss eines Masterbombers wurde die angreifende Bomberflotte zu Fehlabwürfen am Birkenkopf und über Vaihingen verleitet und es verlief dieser Angriff deshalb, trotz dieser Flugzeugmacht, für Stuttgart einigermaßen glimpflich ab. Viele Bomben landeten auf freiem Feld. 
Bei der Belegung des Luftschutzstollens BW 27 am Eingang Altenburger Steige kam es aber zu einem schweren Zwischenfall. Die Achse eines Kinderwagenrades brach beim Hinuntersteigen in den Stollen auf den Treppen. Dadurch stockte der Zustrom und es kam zu einer Panik, weil die Leute nicht mehr in den Stollen hereinkamen. Der Angriff hatte noch nicht begonnen, aber die vorausfliegenden Pfadfinder hatten bereits ihre Leuchtmarkierungen (Christbäume) abgeworfen. In dem dabei entstandenen Gedränge wurden in der Panik 23 Menschen zu Tode erdrückt. Dies waren

Lina Sofie Emelie Scheffler   *1880       Anton Helm                            *1876
Karoline Pauline Fahrion       *1864       Josefa Grimbacher                *1888
Wera Maliatnikowa                *1885       Theresia Flinspach                *1886
Emelie Haigis                         *1894       Caroline Christine Schenk    *1873
Mina Frieda Seitz                   *1896       Julie Mathilde Grieb               *1881  
Klara Land                              *1881                   
Martin Christian Keller       *1931        Edith Frida Klein                *1934
Ingeborg Doris Knopf         *1935        Gerhard Gerlinger             *1935 
Dieter Alois Joos                  *1938        Roland Beck                       *1936
Heinz-Werner Uhlig             *1939        Rudi Vohmann                    *1940
Ursula Sauselen                   *1941        Waltraud Sauselen             *1941

Renate Lieselotte Auer       *1943        Elida Jarenko                      *1943

Verschärft wurde die Situation noch durch Soldaten aus der Reiterkaserne. Sie  sprangen in den Abgang zwischen die Wartenden mit ihren schweren Stiefeln und trugen damit zur Eskalierung bei den Schutzsuchenden und der einsetzenden Panik bei.  Besonders traurig  ist die hohe Anzahl der Kinder. Die Toten wurde alle am unteren Eingang in der Haldenstraße gesammelt. Die meisten Opfer wurden auf dem Steigfriedhof beigesetzt, die Kinder auf dem extra dafür vorgesehenen Kindergräberfeld für Kriegsopfer. Als besonders tragisch war der Tod der Zwillingsmädchen Sauselen, die auf dem Arm ihres Vaters erdrückt wurden. Er konnte seine Kinder nicht vor dem Tode bewahren.

Bei einem weiteren Kind (Gerda Burr), das am Morgen auf den Leichenkarren gelegt wurde, stellte man fest, dass es noch lebte. Auf diesem Kind lag die tote Frau Fahrion. Es wurde zuerst ins Robert-Bosch-Krankenhaus und nach neun Tagen dann ins Victor-Köchel-Heim gebracht, wo es nach 9 Monaten entlassen wurde. Dort wurde es mit Streptomycin, einem Medikament das durch gute Beziehungen aus Amerika gekommen war, behandelt. Es hatte aber irreparable Schäden erlitten und starb an den Folgen 1948. Zur Beerdigung waren damals alle Schulkameraden gekommen.  Dem Kind wurde seine Lieblingsschildkrötpuppe in den weißen Sarg gelegt. Die ehemalige behandelnde Ärztin, Frau Dr. Doch,  konnte sich nach 60 Jahren immer noch genau über den Behandlungsverlauf dieses Kindes erinnern, ein Zeugnis, wie unauslöschlich dieser Vorfall gewesen ist.4  (Frau Dr. Roswitha Doch war eine in Stuttgart sehr bekannte Kinderärztin, die bis ins hohe Alter noch praktiziert hat und auch politisch sehr aktiv war.)

Im NS Kurier erscheint am 17.3.1944 ein Artikel mit folgendem Text: "Beim Aufsuchen von Stollen Ordnung halten  ... Stollenbesucher müssen sich vernünftig und kaltblütig verhalten, sonst wird es sehr leicht zu Unglücksfällen kommen, wie zum Beispiel durch ein plötzlich eintretendes Gedränge oder durch heftiges Nachdrängen der Außenstehenden entstehen können."
Frau Maiwald, aus der Haldenstraße 56 war einer der Verletzten und hatte nur durch Glück überlebt. Über ihr lag eine weitere Person die erstickte und im Tode noch erbrochen hat. Durch das Erbrochene wurde ihr schwarzer Samtmantel mit Pelzkragen ruiniert. Frau Maiwald konnte den Verlust verschmerzen, denn sie hatte überlebt und "nur Quetschungen" davongetragen.

Ein Bericht über den Vorfall selbst, wurde in der Zeitung nicht publiziert, war dieses Ereignis doch nicht sehr schmeichelhaft für die Stadtverwaltung. Diese hatte noch 1943 einen Film über die gefahrlose Belegung von Stollen drehen lassen, der heute unter der  Stuttgarter Kriegschronik im Stadtarchiv zu finden ist.  Als Konsequenz aus dieser Tragödie wurden die Bunker- und Stollenwarte dazu verpflichtet, keine Mitnahme von Kinderwagen und sperrigen Gegenstände in die Luftschutzräume mehr zuzulassen.

4 Schick, Kabisch,Kunert,Köngeter

Kindergräber von den Opfern


Der Grabstein der Zwillinge Sauselen.
Das Grab wurde lange Jahre noch nach dem Krieg vom Jahrgang dieser Kinder im Rahmen eines Schulbesuchs besucht und dort Blumen niedergelegt.4

Die Grabsteine wurden durch Mitglieder des Vereines Schutzbauten Stuttgart 2013 vom Bewuchs befreit und gereinigt.

Der Grabstein von Heinz-Werner Uhlig war bereits umgefallen und wurde auf Initative des Vereines wieder aufgerichtet

Gedenktafel
Am 20.August 2014 enthüllte der Verein eine Gedenktafel auf dem Steigfriedhof für die Opfer. Damit wurde den Opfern nach über 70 Jahren ein Ort des Gedenkens geschaffen.